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Niedersächsische Meisterschaften 2016

03. August 2016 geschrieben von  

dabei sein ist alles….oder: Segelfliegen – wie cool ist das denn? Nach zweijähriger Wettbewerbspause nahm ich mal wieder an einem Qualifikationswettbewerb teil, der Niedersächsischen Segelflugmeisterschaft 2016 vom 21.  bis 30. Juli in Rotenburg/Wümme. Zunächst begleiteten mich gemischte Gefühle: Norddeutsche Tiefebene, Windenstarts mit Wasserballast und Wettbewerbsstress in meinem Alter – sollte man sich nicht besser auf Malle in den Liegestuhl legen? Nun ja, ein Plan ist ein Plan und mit der Unterstützung meiner Mannschaft – in der ersten Woche meine Söhne, in der zweiten Woche meine Frau – sollte ich das wohl durchziehen können.

Das Hammerwetter auf der Hinfahrt mit Wolkenstraßen, wohin man schaute, sorgte für Vorfreude, der auch der folgende Trainingstag keinen Abbruch tat, bei dem das Hammerwetter heißer Warmluft mit schwacher Blubberthermik gewichen war. Donnerstag dann der erste Wertungstag: Für die 15 m-Klasse eine AAT mit 2 Stunden Mindestwertungszeit von 151 km bis 285 km. AATs, bei denen die Piloten während des Fluges die Streckenlänge bei vorgegebenen Mindestwertungsdauer selbst festlegen müssen, werden immer dann geflogen, wenn die Wetterverhältnisse etwas problematisch sind, entsprechend dem Spruch: „Ist das Wetter nicht so schee, fliegen wir ein AAT“. Ich hatte nach mühseligem Erfliegen einer erfolgsversprechenden Startposition einen guten Abflug über die Startlinie.  Den ersten Wendekreis knapp touchiert, dann ging es unter Wolkenaufreihungen zügig voran bei besser als vorhergesagten Bedingungen. Östlich der zweiten Wende wenige Wolken, also weiter Richtung Wende drei. Auf halber Strecke dann eine dunkle Wolkenwand quer zum Kurs, dahinter nur vage Helligkeit am Horizont zu ahnen. Erfreulicherweise „zog“ die Wolke statt zu schauern und ich erreichte einen sehr guten Aufwind östlich der Weser. Dieser hätte mir ermöglicht, den dritten Wendekreis zu erreichen und sogar über Wendekreis vier nach Rotenburg zu fliegen. Allerdings wäre ich dann 10 Minuten vor der Mindestwertungsdauer angekommen mit entsprechend schlechter Durchschnittsgeschwindigkeit, die es ja zu maximieren galt. Also den Wendekreis weiter ausfliegen und dabei die erreichte Endanflughöhe aufgeben. Der gewählte Kurs erwies sich als günstig und so war das Heimkommen schon wenig später wieder gesichert. Den letzten Wendekreis touchieren oder ausfliegen, war jetzt die Frage. Ich entschied mich zu vorsichtig und vergab so ca. 4 km/h sinnlos. Die erflogenen 91 km/h waren dennoch nicht so schlecht für meine Verhältnisse, reichten aber bei engem Feld nur für Tagesplatz 14. Den Tagessieg erflog Martin Tronnier, 77, mit 104 km/h – d.h. mit etwa 17 Minuten Vorsprung.

Die beiden nächsten Tage wurden neutralisiert, der ortsfeste Trog über England versorgte uns mit thermikarmer Warmluft. Dann Zwischenhoch am Sonntag: 368 km Racing Task in die Heide. Ich flog kurz nach Öffnung der Startlinie ab, um dem früh vorhergesagten Thermikende nicht anheim zu fallen. Die erste Wende zügig erreicht und dann mit KB durch dunstigere Luft Richtung Süden. Kurz vor der zweiten Wende trafen wir auf die Flieger der Standardklasse und flogen mit diesen Richtung Heimat. Nur wenige große Quellwolken standen noch auf Kurs, die aber gutes Steigen ermöglichten. Ich kam sehr gut voran und entschied mich für die rechte Spur. Die Flieger der Standardklasse flogen südlich und an einer kniffligen Stelle entschied ich mich vorsichtigerweise, zu ihnen zu fliegen. Ein Fehler, denn der Bart zog nicht gut und nach nur 200 m Höhengewinn flogen wir doch zu der von mir favorisierten Wolke – wieder 5 Minuten vergeigt… Diese Wolke dann aber bis zum Anschlag ausgekurbelt, denn auf Kurs stand ein größerer Schauer, der Richtung Rotenburg zog. Ich entschied mich, unter einer Aufreihung nördlich zum Ziel zu fliegen, was sich als günstig herausstellte, denn ich blieb trocken und kam ohne Komplikationen mit angemessener Geschwindigkeit an. Diejenigen, die mutig durch den Schauer flogen, berichteten von erheblichen Problemen, den Platz zu erreichen. Insgesamt kassierten in allen drei Klassen 17 Flieger Penalties wegen unterflogener Zielkreishöhe und 7 mussten knapp vor dem Ziel landen bzw. Motorhilfe in Anspruch nehmen. 104 km/h und Tagesplatz 10 – gut geflogen! Tagessieger wurde Stefan Lichtmannecker, 4Z, mit 111 km/h (13 Minuten kürzer).

Nach einem neutralisierten Montag ging es Dienstag weiter mit einer Racing Task über 403 km. Wieder Warmluft rund um Rotenburg. Ich kam vor Eröffnung der Startlinie auf knapp 1000 m, konnte diese aber nicht halten und entschied dann dafür, erst einmal Höhe zu tanken, anstatt mich aus 700m in die Aufgabe zu stürzen. Nach 40 endlosen Minuten hatte ich mich endlich wieder hochgekämpft – wenigstens in der guten Gesellschaft der im Wettbewerb Führenden. Mit diesen flog ich ab und kam nach Erreichen der Heide gut voran. Fünf Minuten später führte ich mit ca. 400 Höhenmetern Vorsprung. Vorsichtig über die Elbe, aber auch östlich ging es unter Aufreihungen flüssig voran. Zu flüssig, denn ich war ein paar Minuten unaufmerksam und plötzlich damit konfrontiert, die Thermik, die ich bisher zuverlässig getroffen hatte, nicht mehr zu finden. Als mich dann auch noch die zuvor überholten überflogen, sank die Stimmung auf den Tiefpunkt. Früher hätte ich mich jetzt in den Acker gebohrt, heute habe ich einen Reset-Button. Als ich wieder Anschluss an die Thermik gefunden hatte, kam ich zwar ordentlich voran, aber aus den 117 km/h der ersten Stunde waren inzwischen 76 km/h geworden. Richtung Südwesten verbesserten sich die Bedingungen dahingehend, dass zwar nur noch wenige Wolken die Thermik markierte, diese aber zuverlässig zogen. So erreichte ich die zweite Wende und sah in meinem Butterfly Display einen Flieger meiner Klasse in Reichweite – also kämpfte ich nicht mehr völlig allein dem Feld hinterher. In Uelzen an die Basis und dann zur Wende nach Lüneburg, wo zwei weitere Segelflieger kurbelten, wenn auch nur in 1,2 m/s. Mir schwante, was bevorstand: Heimkämpfen in sterbender Thermik -  Speed ade, jetzt ging es ums Rumkommen! Vor uns lag das thermikträchtigste Stück Heide; wenn überhaupt noch Luft aufstieg, dann rund um den Wilseder Berg. 200 m Höhengewinn mit 0,7 m/s, weitere 200 m mit 0,3 m/s – die Zeit verging. Die letzten 150  m, um sicher nach Hause zu kommen, dauerten eine Ewigkeit, aber irgendwann sagte mein LX: „Final glide established“. Um 18:25 erreichte ich als letzter Flieger des Tages den Zielkreis und den Flugplatz: Nur 80 km/h und Tagesplatz 19 – aber immerhin rum! Der alte Wettbewerbshase Hans-Otto Edelhoff, 47, war allen vorangeflogen und erreichte mit 101 km/h den Tagessieg.

Die folgenden Tage bescherten uns ein Wechselbad der Gefühle nach dem anderen: Briefing, zweites Briefing, Neutralisation, Briefing Aufbau, Neutralisation, Aufbau, Briefing, Start einer Klasse, Neutralisation, dann dennoch sichtbar fliegbares Wetter – es war bitter, zumindest für die, die noch ein paar Plätze gut machen wollten. Am Ende blieb es bei drei Wertungstagen und Gesamtplatz 13 von 24; die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft war verpasst. Spass gemacht hat es dennoch, unter anderem auch, weil ich meine „15m-Klasse Familie“ wieder getroffen habe, 47 und 77, AL, 4Z, CZ und S – und weil ich wieder einmal gespürt habe, was für ein ungemein cooler Sport das Segelfliegen ist! Aufbauen, Ballast tanken, Briefing, Aufgabe programmieren, auf den Start warten, dann starten, hochkurbeln, schwitzen, taktieren, freuen, rechnen, Wetter, Landschaft und die Mitflieger beobachten, kreisen, manchmal mit Hängebacken, Wolkenstraßen entlangrasen, Endanflughöhe erreichen und nach Hause kommen – was für ein komplexes Geschäft, das Körper und Geist voll fordert.

Die ersten drei Plätze in der 15 m-Klasse belegten Martin Tronnier, 77, Michael Pfennis, S, und Stefan Lichtmannecker, 4Z; www.soaringspot.com dokumentiert die Ergebnisse aller Tage und Klassen. Eindrücke vom Wettbewerbsgeschehen gibt es unter http://www.vfl-rotenburg.de/. Das vermeintlich platte Land erwies sich übrigens als landschaftlich reizvoll: Gepflegte Dörfer in nahezu naturbelassener Flusslandschaft. 

Mein Tipp an alle sportlich ambitionierten Segelflieger: Nachmachen – man muss nicht erster werden, um zu gewinnen! Burkhard Müller

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