Flugbericht vom 27.7.2022

Schon am Wochenende hatte sich abgezeichnet, dass der Mittwoch gute Segelflugbedingungen bieten würde. Dienstagabend trafen sich Gerd und ich zum Pläne schmieden. Gerd wollte dem Topmeteo-Wetterfenster folgen und plante ein spitzes Dreieck ins Sauerland und dann nach Osten und retour, ich plante einen 1000 Punkte DMSt-Flug und tendierte zu einem Flug ins Saarland, die Eifel, das Sauerland und zurück, weil dieses Gebiet eine große Übereinstimmung der Wettermodelle von Topmeteo und DWD aufwies. 

1 Prognose Topmeteo                  2 Wolkenverteilung für 15Uhr MESZ                  3 Thermikkarte für 16Uhr MESZ
 
Am Mittwoch überprüfte ich meinen Plan anhand der aktualisierten Prognosen. Ich entschied für einen Flug mit den Wendepunkten Saarlouis-Düren, Aachen-Merzbrück und Dehausen-Diemelstadt. Die Wetterprognose versprach beste Bedingungen im engen Luftraum zwischen Düsseldorf und Köln/Bonn. Es wurde schwacher Wind aus nordöstlicher Richtung vorhergesagt – also mit Rückenwind zur ersten Wende, im besten Wetter gegen den Wind Richtung Eifel und Sauerland und mit Rückenwind nach Hause.
 
Es hatten sich schon erste Quellwolken gebildet und um 10:43 schleppte Rainer meine JS3-15m mit 53kg/m² Flächenbelastung auf 1100mNN. Korrekter Abflug über dem Flugplatz und ab Richtung Westen. Es gab ordentliche Steigwerte und so ging es ohne Probleme zum Rhein. Richtung Hunsrück standen ebenfalls Wolken und der Anschluss über dem Soonwald gelang ohne Probleme. Die Anfrage bei der Flugsicherung in Langen ergab, dass der Luftraum Baumholder verfügbar war, und so konnte ich beim inzwischen entwickelten Bedeckungsgrad von 4/8 den Wolkenaufreihungen Richtung Südwesten einfach folgen und um 12:30 die erste Wende umrunden. Richtung Kell standen die Wolkenaufreihungen bei Basishöhen um 1800m NN ebenfalls gut und meine 60-Minuten Reisegeschwindigkeit steigerte sich auf 118km/h – leichtes Spiel, dachte ich.

Nördlich der Mosel änderte sich die Luft und die Thermik. Nur noch 2/8 Bedeckung bei zerfranster Wolkenoptik – und ich fand das Steigen nicht mehr. Also wurde ich etwas vorsichtiger bis ich endlich bei Gerolstein wieder in komfortabler Höhe war, um über die hohe Eifel zu fliegen. Der Bedeckungsgrad nahm Richtung Aachen wieder zu, allerdings sank die Basis auch. Kurz vor 15:00 war die Wende Aachen genommen, die Optik Richtung Osten war allerdings deprimierend. Wenige Konturen in der auf 7/8 verdichteten Bewölkung. Nach Süden zurück in die Sonne war eine Option, die ich – erkennbar an dem Zacken bei Jülich – ernsthaft erwog. Andererseits, ich war noch hoch, im Sauerland war Hammerwetter vorhergesagt und ich habe ein Triebwerk an Bord. Also doch die Aufgabe durchziehen! Das Braunkohlekraftwerk Fortuna gab mir Schwung, um weiter Richtung bergisches Land zu fliegen – dicht besiedeltes Gelände und kaum noch Sonneneinstrahlung; die Luftraumsituation vergrößerte den Stress. Aber ich bin ein zäher Kämpfer und konnte mich inzwischen ohne Wasserballast in schwacher Thermik hochkurbeln, um den Einstieg ins Sauerland vorzubereiten. 

Nördlich Lüdenscheid dann die Frage: Kurs Richtung Altena oder südlich halten? Ich entschied für südlich, weil dort etwas mehr Einstrahlung zu erkennen war, und konnte mich vom Tiefpunkt in unter 500m über Grund hocharbeiten; dabei lief mir die Zeit natürlich davon. Die Reisegeschwindigkeit war auf unter 80km/h gesunken, was für die verbleibenden ca. 250 km noch drei Stunden Restflugzeit bedeutete – und das um 16:30! Die Überlegung war: Es geht auf 2000m, Endanflug also aus ca. 60km Entfernung, letzter Aufwind also um 19:00 – machbar, wenn auch nur mit etwas Glück. Das wurde genährt durch die Tatsache, dass der Bedeckungsgrad Richtung Osten deutlich zurück ging. Hammerwetter oder Vorboten eines frühen Thermikendes? Es war Hammerwetter prognostiziert, irgendwann muss es ja kommen, also vielleicht jetzt.

Selten bin ich so niedrig über das Sauerland geflogen, aber querab Brilon konnte ich immerhin die Wolken wieder zuverlässig lesen. 20 km westlich der Wende erreichte ich 2000m NN und um 18:10 erfolgte endlich die Umrundung der dritten Wende. „Nur“ noch 140km und es gab einige wenige frische Quellungen. Der Aufwind über der Autobahn bei Twiste war leider schon in 1500m NN zu Ende und die nächsten Wolken weit weg. Es folgten zwei lange Gleitflüge zu den letzten Flusen in Reichweite, bei denen ich erfolgreich Bodenrelief, Bewuchs, Wind und Wolke in Kontext bringen und in Höhe umsetzen konnte. Bei Bottenhorn, dem besten Hotspot weit und breit, gab es noch solidere Quellwolken. Komme ich hoch genug an, um sie ausbeuten zu können? Ja, und das mit Anfangssteigwerten von 1,5m/s! Um 19:18 kam dann in 2100m NN die erlösende Message von meinem LX9070: „Final glide on task established“ - hatte sich der zähe Kampf von Aachen bis ins Hochsauerland also doch gelohnt!

Während des Kurbelns hatte sich „meine“ Wolke entwickelt. Es stand eine wunderschöne Aufreihung, die im Satellitenbild deutlich erkennbar ist, bis nach Hause. Ohne Höhenverlust konnte ich unter dieser Aufreihung nach Süden fliegen und in Weilmünster entschied ich – weil es so schön war – noch mal zurückzufliegen, um auch noch die 750km-Marke zu knacken. Jörg Mathes aus Giessen hat es ausgereizt und die Wolkenstraße bis zum Kahlen Asten und zurück geflogen, um damit einen 1000km-Flug zu realisieren, den einzigen in Hessen. Ich hatte meinen Plan umgesetzt und 1015 DMSt-Punkte eingeflogen, die höchste DMSt-Ausbeute in Hessen an diesem Tag. Manfred Albrecht aus Marpingen hatte übrigens ein sehr ähnliches Dreieck, allerdings gegen den Uhrzeigersinn geflogen und dafür 1085 DMSt-Punkte eingesackt. Die Heldentaten der anderen Piloten (Tobias Welsch und Elmar Fischer, Gerd Spiegelberg, Lorenz Dierschke, Michael Wunderle u.v.m.) kann man im OLC verfolgen.

Und die Moral von der Geschichte? Never, never, never give up!

Burkhard Müller

 

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