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In neun Folgen hat uns Gerd Heinecke durch die ersten zehn Jahre unserer Vereinsgeschichte geführt. Nunmehr gestattet er sich und uns einen Exkurs in die Bad Homburger Geschichte der Fliegerei - und die hat eine über hundertjährige Tradition: Sie geht bis 1785 zurück, als der Franzose Blanchard über der Kurstadt schwebte, dann nordwärts fuhr - wohl auch in Sichtweite des Erlenbachtals - und in Weilburg landete.

Gefeiert wurde aber vergangenes Jahr der 22. August 1898, als die legendäre Flugpionierin Käthchen Paulus mit ihrem Heißluftballon Kosmos" startete. Dies geschah auf eindrucksvolle Weise in diesem Sommer, als in Bad Homburg fast ein Dutzend Heißluftballons in die Lüfte stiegen, um der seinerzeit als sensationell empfundenen Ballonfahrt der mutigen Dame Paulus zu gedenken.

Das früheste Datum aber, an dem über Bad Homburg Luftfahrt betrieben wurde, ist der 3. Oktober 1785. Damals weilte der französische Ballonfahrer Jean Pierre Blanchard in Frankfurt, um, wie es in der Presse hieß, „... mit seinem primitiven Fahrzeug das ungewisse Luftmeer zu durchfliegen". Diesen Vorführungen wohnte auch der Homburger Landgraf mit seinen beiden Söhnen bei und ihr Wunsch, den kühnen Luftfahrer mit seinem Ballon auch einmal in Bad Homburg begrüßen zu können, ging nach mehreren vergeblichen Versuchen am 3. Oktober 1785 endlich in Erfüllung. Im Tagebuch des landgräflichen Kabinettsekretärs Armbruster heißt es darüber: „Die Begeisterung war grenzenlos. In Homburg erwartete man mit Ungeduld den Ballon. Endlich erblickte man diesen über dem Feld von Kirschbäumchen (beim kleinen Tannenwald) auf unsere Stadt zuschweben. Drei Kanonen schossen von der Schlossterrasse Salut. Der Luftschiffer dankt mit der Flagge. Aber landen konnte er wegen der ungünstigen Luftverhältnisse nicht. Erst in Weilburg fand der sensationelle Flug sein Ende". Auch von Usingen wurde die Fahrt beobachtet - Es war also unsere erste Flugbewegung".

Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts stieg ein Ballon im Bad Homburger Kurgarten auf. Er hatte aber keine Gondel, nur eine mit zwei Stricken befestigte Stange diente dem Piloten als Sitz. Diese Luftfahrt endete am kleinen Tannenwald. Ende der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebte in Frankfurt ein Ballonfahrer namens Hermann Lattemann. Er begnügte sich aber nicht mit den Fahrten allein, sondern machte mit den inzwischen entwickelten Fallschirmen vom Ballon aus sogenannte Abstürze. Für die Reparaturen an Ballon und Fallschirm benötigte er jemanden, der mit Nadel und Faden umgehen konnte. So machte er die Bekanntschaft der Näherin Käthe Paulus und aus Kooperation wurde Liebe.

Im Sommer 1893 durfte sie ihre erste Ballonfahrt mitmachen - und nach dem Absprung von Lattemann den Ballon auch gleich landen, erhielt mit ein wenig Flunkern ihr Prädikat als Ballonführer und sprang bei ihrer dritten Fahrt aus 1.200(!) Metern Höhe selbst mit dem Fallschirm ab. Damit wurde sie zumindest die erste deutsche Fallschirmspringerin. Die meisten Quellen melden übereinstimmend, dass sie 516 Mal aufgestiegen und 147 Mal abgesprungen ist. Dass ihr, im Gegensatz zum tödlich verunglückten Latternann, nie etwas Schlimmes zugestoßen ist, war sicher auch ein großes Stück Glück, aber dies nicht allein. Käthchen hat ihre Fallschirme nicht nur selbst gepflegt und gefaltet, sie hat sie auch selbst angefertigt und weiterentwickelt. Schließlich hat sie die heute noch gebrauchte Form des Fallschirmpakets erdacht und darauf ein Schweizer Patent bekommen. Jeder Segelflieger sollte daher gelegentlich an Käthchen Paulus denken.

Schon vor Ausbruch des 1. Weltkriegs soll sie dem preußischen Kriegsministerium erfolglos einige Male ihr Fallschirmpaket angeboten haben. Erst als sich 1915 ein Mangel an Fallschirmen mehr und mehr bemerkbar machte, erinnerte man sich ihrer und beauftragte sie, Schirme und Hüllen zu liefern. 1917 mussten zwanzig Beobachter aus Fesselballonen mit ihren Schirmen abspringen und konnten so ihr Leben retten. Darauf überreichte der Kommandierende General der Luftstreitkräfte, v. Hoeppner. Käthchen Paulus persönlich das Verdienstkreuz für Kriegshilfe. 7.000 Fallschirme und 1.000 Ballonhüllen haben ihre Werkstatt während des Krieges verlassen. Eine letzte Ehrung wurde ihr zu Lebzeiten zuteil, als 1935 die „Traditionsgemeinschaft Alte Adler" ihrer gedachte. Ob ihr das freilich noch bewusst geworden ist muss bezweifelt werden, denn sie war, erst 67, damals schon sehr krank und starb bald darauf.

(Gerhard Heinecke)

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